Was sind die GMP Anforderungen für die Sterilproduktion nach Annex 1?

Die Herstellung steriler Arzneimittel gehört zu den regulatorisch anspruchsvollsten Bereichen der pharmazeutischen Produktion. Ziel ist es, Produkte bereitzustellen, die frei von vermehrungsfähigen Mikroorganismen sind und kein Risiko für Patientinnen und Patienten darstellen.

Die regulatorischen Anforderungen in Europa sind im EU-GMP-Leitfaden (EudraLex, Volume 4) verankert. Annex 1 "Manufacture of Sterile Medicinal Products" konkretisiert die besonderen Anforderungen an sterile und aseptische Prozesse und ist seit seiner Revision vom 22./25. August 2022 das zentrale Referenzdokument für Industrie und Inspektoren. Die Vorgaben traten überwiegend am 25. August 2023 in Kraft; Punkt 8.123 (Lyophilisation) gilt erst seit dem 25. August 2024.

Regulatorische Grundlagen der Sterilproduktion

Rechtlich basiert das europäische GMP-System auf der Richtlinie 2003/94/EG, die in nationales Recht umgesetzt wurde (z. B. AMG und AMWHV in Deutschland). Die detaillierten Anforderungen finden sich im EU-GMP-Leitfaden, Teil I (Basisanforderungen für Arzneimittel) sowie in den ergänzenden Annexen, darunter Annex 1 für sterile Arzneimittel. Annex 1 ist somit kein isoliertes Dokument, sondern unterstützt die Umsetzung eines übergeordneten PQS und betont den Einsatz innovativer/risikobasierter Werkzeuge im Sinne von QRM und PQS (z. B. ICH Q9/Q10 als konzeptioneller Rahmen). Annex 1 stellt zugleich klar, dass QRM für das gesamte Dokument gilt und Mindestanforderungen (z. B. Frequenzen/Limits) historisch begründet sind (Abschnitt 1, insbesondere 1.1-1.2).

Die Revision ist strukturell und inhaltlich deutlich erweitert. Neu sind unter anderem eigene Kapitel zu "Scope", "Utilities", "Environmental and Process Monitoring" sowie ein Glossar. Die neue Struktur folgt einer klaren Logik: Von Grundprinzipien und PQS über Personal, Räumlichkeiten, Ausrüstung und Utilities bis hin zu Produktion, Monitoring und Qualitätskontrolle. Damit wurde Annex 1 stärker systemisch ausgerichtet.

Annex 1 unterscheidet zwischen terminaler Sterilisation und aseptischer Herstellung und fordert eine Prozess-/Anlagenauslegung, Qualifizierung/Validierung und laufende Verifikation als Schlüssel zur Kontaminationsvermeidung (2.1). Terminale Sterilisation bleibt grundsätzlich der bevorzugte Ansatz, wenn sie technisch/qualitativ möglich ist (Grundlogik in Abschnitt 8 "Production and specific technologies"). Für aseptische Prozesse betont Annex 1 insbesondere, dass Sterility Assurance nicht durch Monitoring/Testing allein erreicht wird, sondern durch Design, Verfahren und Monitoring als Nachweis der Wirksamkeit (2.2-2.3: "Monitoring or testing alone does not give assurance of sterility.").

Die aseptische Herstellung erfordert ein Zusammenspiel aus Reinraum-/Barrieredesign, qualifizierten Utilities, validierten Reinigungs-/Desinfektionsprogrammen, qualifiziertem Personal und einem robusten Monitoring. Annex 1 nennt explizit den Einsatz geeigneter Technologien wie RABS, Isolatoren, Robotik, rapid/alternative methods und continuous monitoring als zu berücksichtigende Optionen (2.1 i). Barrieresysteme müssen Grade-A-Bedingungen in der kritischen Zone sicherstellen; für Isolatoren und RABS wird "unidirectional airflow" und "first air protection" in der kritischen Zone betont (4.19-4.20). Der Mensch bleibt ein zentrales Kontaminationsrisiko; Annex 1 fordert daher u. a. geeignete Trainings-/Qualifizierungssysteme, Regeln zur Disqualifikation/Requalifikation (z. B. nach einem fehlgeschlagenen APS) sowie Anforderungen an Gowning und die Integrität der Bekleidung (z. B. 7.6; 7.11 ff.).

Aseptische Prozesssimulation (Aseptic Process Simulation oder Media Fill) dienen der periodischen Revalidierung aseptischer Prozesse (9.32). Annex 1 betont gleichzeitig, dass APS nicht das primäre Mittel ist, um den aseptischen Prozess "zu validieren"; Sterility Assurance muss aus Prozessdesign, PQS/Controls, Training und Auswertung von Monitoringdaten kommen (9.32). Für die periodische Revalidierung gilt: APS soll normalerweise zweimal pro Jahr (? alle 6 Monate) durchgeführt werden und zwar für jeden aseptischen Prozess, jede Fülllinie und jede Schicht. Zudem soll jeder Operator teilnehmen (9.38). Erwartet wird das Ergebnis "0 kontaminierte Einheiten", was die hohe regulatorische Messlatte verdeutlicht.

Neue Schwerpunkte durch die Annex 1 Revision?

Die Revision von Annex 1 bringt einen klaren Paradigmenwechsel mit sich. Zwei holistische Konzepte stehen im Mittelpunkt: Quality Risk Management (QRM) und Contamination Control Strategy (CCS).

Das QRM ist dabei der Schlüssel zur Identifizierung, Analyse und Minimierung von Kontaminationsrisiken. Annex 1 verlangt explizit einen risikobasierten Ansatz über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Instrumente wie HACCP können dabei als geeignete methodische Grundlage dienen.

Noch grundlegender ist die Einführung der verpflichtenden Contamination Control Strategy. Abschnitt 2.3 von Annex 1 fordert die Implementierung einer einrichtungsweiten CCS, die alle kritischen Kontrollpunkte identifiziert und die Wirksamkeit aller technischen, organisatorischen und verfahrensbezogenen Maßnahmen bewertet. Bestehende Systeme müssen nicht zwingend ersetzt werden, jedoch in die CCS integriert und in ihren Wechselwirkungen verstanden werden.

Die CCS steht für einen systemischen Ansatz: Qualität darf nicht "hineingetestet" werden, sondern muss durch robuste, validierte Prozesse inhärent gewährleistet sein. Prüfungen allein - etwa mikrobiologisches Monitoring - sind nicht ausreichend, da sie fehleranfällig sind und nur Stichproben darstellen. Dieser Gedanke entspricht dem Quality-by-Design-Prinzip. In Zusammenarbeit vieler Experten wurde in diesem Zusammenhang der ECA Guide "How to Develop and Document a Contamination Control Strategy" erstellt, der frei verfügbar auf der offiziellen Website zu finden ist.

Eine besonders kontrovers diskutierte Neuerung ist die explizite Forderung nach PUPSIT (Pre Use Post Sterilisation Integrity Testing) für sterilfiltrierte Produkte. PUPSIT verlangt eine Integritätsprüfung des Sterilfilters vor dessen Verwendung (nach der Sterilisation) und erneut nach der Filtration. Ziel ist es sicherzustellen, dass der Filter vor Prozessbeginn intakt war und während der Anwendung keine Beschädigung auftrat (8.87).

Regulatorisch wird PUPSIT als Maßnahme zur Erhöhung der Prozesssicherheit verstanden, da eine alleinige Nachprüfung nicht ausschließen kann, dass der Filter bereits vor Prozessbeginn defekt war. Annex 1 erlaubt jedoch unter Erstellung einer Risikoanalyse Ausnahmen, wenn PUPSIT technisch nicht möglich oder mit erhöhtem Risiko verbunden ist (z.B. bei Single-Use-Systemen mit sehr kleinem Volumen). In solchen Fällen ist eine detaillierte QRM-Dokumentation zwingend erforderlich.

Annex 1 enthält nun ebenfalls ein eigenes Kapitel zu Environmental and Process Monitoring. Monitoring ist nicht mehr isolierte Qualitätskontrolle, sondern integraler Bestandteil der CCS (9.1). Gefordert wird ein wissenschaftlich begründeter, risikobasierter Probenahmeplan mit klar definierten Alert- und Action-Leveln. Neben mikrobiologischer Überwachung (aktive und passive Luftkeimsammlung, Oberflächenabklatsch, Personalmonitoring) ist auch das physikalische Monitoring (Partikel, Druckdifferenzen, Luftgeschwindigkeit, Temperatur, Feuchte) essenziell.
Besonders betont wird die ganzheitliche Betrachtung von Trends, wiederkehrenden Ereignissen und systemischen Schwächen. Monitoringdaten sollen aktiv in Management Reviews einfließen und kontinuierliche Verbesserung antreiben (9.9-9.13). Wichtig für die Praxis: Monitoring- und Trenddaten aus klassifizierten Bereichen sollen im Kontext der Batch Certification/Release berücksichtigt werden; es muss eine schriftliche Vorgehensweise geben, wie mit out of trend bzw. Überschreitungen umzugehen ist (9.3 sowie 10.10).

Annex 1 unterstreicht die Bedeutung geeigneter Barrier Systeme wie RABS und Isolatoren. Isolatoren mit VHP-Dekontamination bieten ein höheres Maß an Separation zwischen Personal und Produkt. Zudem wird das "First Air"-Prinzip betont: Offenes Produkt darf ausschließlich von HEPA-gefilterter, ungestörter Luft getroffen werden. Turbulenzen, ungünstige Maschinenkonstruktionen oder über das Produkt gebeugtes Personal sind unzulässig (4.19-4.20).

Zusammenfassend sind die GMP-Anforderungen für die Sterilproduktion nach der Annex 1 Revision stärker risikobasiert, systemisch und prozessorientiert. Die Revision markiert einen klaren Wandel weg von rein prüforientierten Ansätzen hin zu einer ganzheitlichen, wissenschaftlich fundierten Kontaminationskontrolle. CCS und QRM bilden das Fundament dieses neuen Denkens, während PUPSIT und verschärfte Monitoring-Anforderungen die technische Umsetzung konkretisieren.

Für Hersteller bedeutet dies: Annex 1 ist kein "rein mikrobiologisches Dokument", sondern ein strategischer Leitfaden zur Beherrschung von Kontaminationsrisiken. Nur wer Prozesse, kompetentes Personal, Technik und qualifizierte/validierte Systeme und eine CCS als integriertes System versteht, wird die regulatorischen Erwartungen nachhaltig erfüllen können.

Zurück zur Newsübersicht

Kontakt

Kontaktieren Sie uns

Haben Sie Fragen?

Concept Heidelberg GmbH
Rischerstraße 8
69123 Heidelberg

Tel. :+49622184440
Fax : +49 6221 84 44 84
E-Mail: info@concept-heidelberg.de

zum Kontaktformular

NEWSLETTER

Bleiben Sie informiert mit dem GMP Newsletter von Concept Heidelberg!

GMP Newsletter

Concept Heidelberg bietet verschieden GMP Newsletter die Sie auf Ihren Bedarf hin zusammenstellen können.

Hier können Sie sich kostenfrei registrieren.