Mit dem GAMP 4 ist ein mittlerweile weltweit etablierter Standard für die
Validierung computergestützter Systeme entstanden. Daneben sind oder werden
von GAMP-Arbeitsgruppen Good - oder Best Practice Guides zu verschiedenen
Teilaspekten der Validierung computergestützter Systeme veröffentlicht.
Ganz aktuell ist jetzt die englische Version des Good Practice Guide
"Validation of Process Control Systems" – "Validierung von
Prozessleittechniksystemen" veröffentlicht worden.
Die Struktur des
Guides
Ausgangspunkt ist der GAMP4-Leitfaden mit seinen grundlegenden Prinzipien
und Methoden zur Computervalidierung. Der Gute Praxis Leitfaden greift diese
Prinzipien auf und zeigt, wie diese auf die verschiedenen Formen der Systeme
in der Prozessleittechnik angewendet werden können. Dazu werden
Modifikationen, Erweiterungen aber auch Reduktionen der GAMP4-Modelle
angegeben.
Die Struktur dieses Leitfadens orientiert sich an der Struktur von GAMP4
und besitzt einen Hauptteil und drei Abschnitte mit Anhängen. Im Hauptteil
sind allgemeine Informationen und Basiskonzepte, wie ein anpassbarer
Lebenszyklus, abhängig von dem Systemtyp und der Systemkomplexität,
zusammengestellt. Im ersten Anhangblock werden einige spezifische Themen,
(Herstellungsparameter und Datenspezifikationen für
Prozessleittechnik-Anwendungen, Software- und Hardwarekategorien für
Prozessleittechnik-Systeme, postalische Audits) zusammengestellt. Der
Anhangblock 2 stellt mehrere Empfehlungen der deutschen GMA/NAMUR-Gruppe zur
Abwicklung validierungspflichtiger Projekte, zu Standard-Arbeitsanweisungen
für den Betrieb und die Instandhaltung sowie für die
Validierungsunterstützung durch Leitsystemfunktionen und Lieferanten vor.
Der Anhangblock 3 enthält Anleitungen der US-amerikanischen JETT-Gruppe zur
Erstellung von Lastenheften für eingebettete Systeme.
Prozessleittechnik-Systeme werden eingesetzt zur Automatisierung von
Herstellungsprozessen (Datensammlung, Datenbereitstellung, Überwachung und
Steuerung des Herstellungsprozesses, Anbindung überlagerter
Produktionssteuerungs- und Datenverarbeitungssysteme). Sie umfassen eine
große Breite von Systemen von kleinen Steuerungen, z.B. eingebaut in
Herstell-Geräten oder Apparaten, bis hin zu großen verteilten
Leitsystemen, z.B. zum Betrieb von Anlagen der Grund- und
Wirkstoffherstellung. Dementsprechend werden im Leitfaden die zwei
Hauptkategorien "eingebettete Systeme" (auch eingebaute Systeme)
und "eigenständige Systeme" (mit eigener Aufbautechnik)
definiert.
Eingebettete und eigenständige Systeme
Eingebettete Systeme sind z.B. Microprozessoren, SPSen oder PCs, die
ausschließlich zur Steuerung und Überwachung von Herstellungsgeräten
eingesetzt werden. Sie werden üblicherweise eingebaut in einer Einheit oder
Maschine geliefert. Für das Engineering sind mehrere Disziplinen
erforderlich, die Lebenszyklus-Dokumentation wird weitgehend vom Lieferanten
erstellt. Eigenständige Systeme sind Systeme mit eigener Aufbautechnik, die
üblicherweise separat für den Anschluss an die Feldinstrumentierung und
Geräte geliefert werden. Oft werden sie auch mit überlagerten Systemen
verbunden (z.B. Supervisory Control and Data Acquisition (SCADA),
Produktionssteuerungssysteme (MES) oder Unternehmensleitsysteme (ERP))
verbunden. Ein eigenes Projekt-Engineering und eine Koordination ist
erforderlich.
GAMP-Prinzipien
Die GAMP-Prinzipien (z.B. Lebenszyklus, Planung, einschließlich Risiko-
und Auswirkungsbewertung, Anwender-Lieferanten-Beziehung, Spezifikationen,
Verfolgbarkeit, Entwurfsprüfung, formelle Tests und Verifikation,
dokumentierter Nachweis) können auf diese Systeme übertragen werden,
allerdings sind einige Aspekte zusätzlich zu berücksichtigen. Bei der
Planung ist nicht nur die Software und die Computerhardware zu
berücksichtigen, sondern auch die gesamte Feldinstrumentierung, die
elektrischen Geräte und teilweise die Mechanik der Anlage.
Das Anwender-Lastenheft kann bei großen Applikationen, z.B. PLS oder
SCADA, ein eigenes Dokument, bei kleinen eingebauten Anwendungen Teil der
Gerätespezifikation sein. Das Pflichtenheft ist bei eigenständigen
Systemen typischerweise ein eigenes Dokument, enthält Funktionen,
Eigenschaften, Designvorgaben für die Prozessleittechnik-HW und SW. Bei
eingebetteten Systemen kann es, wie das Lastenheft Teil einer
übergeordneten Gerätespezifikation sein, und kann Geräte, elektrische und
mechanische Elemente enthalten. Es wird in beiden Fällen häufig vom
Lieferanten auf Basis des Lastenhefts erstellt und stellt oft ein
vertragliches Dokument dar.
Da Prozessleittechnik-Systeme häufig vorkonfektionierte Elemente
enthalten, geben die Entwurfsspezifikationen oft an, wie diese Elemente und
Pakete zu konfigurieren sind. Solche Spezifikationen werden nicht nur für
Software (Softwaremodule) und Computerhardware, sondern auch für die
Feldinstrumentierung und Geräte erstellt. Zur Darstellung dienen
Verfahrensdiagramme, die den Prozessablauf darstellen, sowie Rohrleitungs-
und Instrumentierungsdiagramme (R&I), die die Funktions- und Ortswelt
der zugeordneten Steuerungs- und Überwachungsschleifen angeben.
Die Akzeptanztests dienen zur Prüfung der korrekten Arbeitsweise und
Einhaltung des Lasten- und des Pflichtenhefts für Software, Hardware und
Instrumentierung. Die Tests basieren auf genehmigten, formellen
Testspezifikationen und werden in der Regel gemeinsam von Lieferant und
Anwender (4 Augen-Prinzip) durchgeführt. Die Ergebnisse werden formell
dokumentiert und freigegeben und sind als Teil der IQ und der OQ verwendbar.
Die sehr ausgeprägten Tests werden, insbesondere bei großen Systemen, in
zwei Stufen ausgeführt. Der sog. Fabrik-Akzeptanztest (FAT) wird vor der
Auslieferung, bei eigenständigen Systemen ohne Feldanbindung, ggf. mit
geeigneter Feldsimulation im Werk des Lieferanten ausgeführt. Dabei werden
bereits sehr umfangreiche Tests der Installation und der Funktion des
Systems durchgeführt. Im Standort-Akzeptanztest (SAT) ist festzustellen,
dass das gelieferte System unbeschädigt ist und dem im Werk getesteten
System entspricht. Ggf. ist eine teilweise Wiederholung von FAT-Tests
erforderlich, generell sind zusätzliche Tests unter Anbindung der
Feldinstrumentierung, der Schnittstellen und der Versorgungseinheiten
durchzuführen. Diese Tests können mit der Inbetriebnahme verknüpft
werden.
Anhänge
Die GMA/NAMUR-Anhänge stellen Empfehlungen zur Leittechnik-Validierung
zusammen. Im einzelnen werden Anleitungen zur Abwicklung
validierungspflichtiger Projekte für Neuanlagen und Änderungen (NE 58),
Standard-Arbeitsanweisungen zum Betreiben und Betreuen validierter
Prozessleittechnik-Anlagen (NE71) sowie Hinweise zur
Validierungsunterstützung bei Einsatz von Leitsystemen als Unterstützung
für Planung und Betrieb (NE72) zusammen.
Es wird ein spezielles Software-Modell für Prozessleitsysteme
vorgestellt. Leitsystem-Software ist dadurch gekennzeichnet, dass bei der
Anpassung des Leitsystems an den jeweiligen Anwendungsfall möglichst wenig
frei programmiert wird, sondern Standardfunktionen benutzt werden, die durch
Parametersätze auf den jeweiligen Anwendungsfall anpassbar sind. Solche
Funktionen werden als vorkonfektionierte Software-Bausteine oder
vorkonfektionierte Funktionen bezeichnet und sind nicht
anwendungsspezifisch. Die vorkonfektionierten Funktionen setzen ihrerseits
auf ebenfalls nicht anwendungsspezifischen Leitsystem-Betriebssystemen und
diese gegebenenfalls auf allgemein gebräuchlichen Standard-Betriebssystemen
auf. Im Beitrag wird ein entsprechendes Schichtenmodell vorgestellt. Es
stellt schematisch die genannten Software-Klassen, ihren logischen Aufbau
und den Qualifizierungsverantwortlichen dar.
Für die Projektabwicklung werden, basierend auf dem Lebenszyklusmodell,
die Einzelaktivitäten für Projektierung und Qualifizierung/Validierung,
die dafür notwendigen Eingangsdokumente und die zu erzeugenden
Ausgangsdokumente in Tabellenform dargestellt. Eine Checkliste dient zum
Projektmanagement und gibt an, welche Aktivität von wem und wann
auszuführen ist sowie den Fertigstellungsgrad der Aktivität.
Die generischen Standard-Arbeitsanweisungen (NE71) betreffen die
prozessleittechnischen Einrichtungen (gleichzusetzen mit den elektro-, mess-
und regeltechnischen Einrichtungen) verfahrenstechnischer Anlagen. Sie
umfassen 8 Anweisungen (SOPs) für Betrieb, Instandhaltung und Änderung von
Prozessleittechnik-Systemen und stellt eine Ergänzung der GAMP4-SOPs dar.
Inhalte der SOPs sind Strukturierung und Pflege der
Prozessleittechnik-Dokumentation, Vorbeugende Wartung und
Änderungsmanagement, Zugangskontrolle für Prozessleittechnik-Systeme,
Modembetrieb, Re-Qualifizierung, Vorgehen bei Systemfehlern und –ausfällen,
Versionswechsel, Upgrade von Hardware, Update von Firmware sowie Schulung.
Leitsysteme können durch entsprechende Funktionen die Qualifizierung der
Gesamtanlage bzw. die Validierung des Herstellungsverfahrens, den Betrieb
und die Erhaltung des validierten Zustandes wirkungsvoll unterstützen. Für
den Lieferanten von Leitsystemen ergeben sich aus den
Qualifizierungsanforderungen entsprechende Beiträge, die er, neben seinem
Renommee, zur Unterstützung der Qualifizierung als Dienstleistungen
anbieten kann. Diese Funktionen und Dienstleistungen sind in der Empfehlung
"Validierungsunterstützung bei Einsatz von Leitsystemen" (NE72)
zusammengefasst. Sie werden hinsichtlich ihrer Bedeutung für die
Validierung in der Empfehlung klassifiziert.
Die Anhänge der JETT-Gruppe (JETT: Joint Equipment Transition Team)
beschäftigen sich mit eingebetteten Systemen. Ursprünglich wurde die
Gruppe 1996 von Lilly, P&U und Rockwell gegründet, um die von
Ausrüstungslieferanten gelieferte Dokumentation zu verbessern. Dazu hat die
Gruppe beabsichtigt, Methoden zur Lastenheft-Erstellung, Projektplanung,
Pflichtenheften und Entwurfsspezifikationen sowie Akzeptanztests (Hardware,
Software, System) in der Fabrik des Lieferanten und am Standort zu
entwickeln. Die Anhänge enthalten Anleitungen zum Erstellungsprozess von
Anwender-Lastenheften (User Requirement Specifications) für integrierte
Steuerungen (eingebaute Systeme) sowie Beispiele der bis zum aktuellen
Zeitpunkt erstellten Lastenheft-Muster (18 von 30) für Reinstdampferzeuger,
Wirbelschichttrockner, Abfüllanlage, Trockenmischer, Gefriertrockner,
Tablettenbeschichter, Multi-Komp.-Destille, Etikettierer,
Flaschenspülmaschine, Bioreaktoren, Reinstluft-Klimaanlagen. 12 weitere
Apparatekategorien sind geplant.
Abschließend ist zu sagen, dass die GAMP-Prinzipien effizient sowohl auf
eingebettete als auch auf eigenständige Steuerungs- und Leitsysteme
angewendet werden können. Gute Engineering Praxis und übliche
Inbetriebnahmetätigkeiten können die Forderung nach formeller
Qualifizierung unterstützen.
Autor:
Prof. Dr.-Ing. Hartmut Hensel, Hochschule Harz, Wernigerode als
Kurzzusammenfassung seines Beitrages im Rahmen des CONCEPT HEIDELBERG
Seminars "GAMP 4" am 17./18. November 2003
Weitere ganz aktuelle Informationen zu dem neuen Guide und dessen
praktischer Anwendbarkeit erfahren Sie bei der Konferenz:
Prozessleitsysteme
in der Pharmaindustrie: Validierung, GAMP-Anforderungen und Part 11
Implementierung am 3./4. Dezember in Mannheim
Weitere aktuelle Veranstaltungen zum Themenbereich Computervalidierung
finden Sie hier.
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