Die weltweite Harmonisierung der GMP-Anforderungen war lange Zeit
undenkbar. Nun scheint dieser Gedanke nicht mehr so abwegig zu sein.
Erstaunlich ist sicher für viele, dass
ausgerechnet die FDA eine derartige Initiative anstrebt. Wir haben bereits
mehrfach über die FDA-Reform "cGMP for the 21st Century"
berichtet. Der eine oder andere mag darin nur einen üblichen
Verbesserungsprozess einer Behörde gesehen haben. Welche Auswirkungen
diese Initiative hat, wird nun auch den letzten Zweiflern deutlich werden.
Die Initiative, über die wir in unserer
News vom 30. August 2002 berichtet haben, wurde etabliert, um eine
grundsätzliche Überprüfung bzw. Überarbeitung der nun fast 25 Jahre
alten GMP-Regelwerke durchzuführen. Kern dieser Initiative ist der
sogenannte Risk-based Approach. Darüber will die FDA sämtliche
Aktivitäten, also beispielsweise die Erstellung von Guidelines, aber auch
die Durchführung von Inspektionen, koordinieren. Im Sinne der
Patientensicherheit sollen nun diejenigen Prozesse, die ein hohes Risiko
für den Patienten in sich bergen, intensiver betrachtet werden. Das
heißt, dass z. B. die aseptische Fertigung sicher stärker im
Brennpunkt der Regelwerke und der Inspektionen stehen wird als eine
klassische Feststoffproduktion für ein Generikum.
Diese Initiative sieht die FDA nicht als
ein isoliertes Vorhaben. Die FDA will diesen Ansatz auch in die
internationale Harmonisierung einbringen. Ziel ist die Harmonisierung von
Inspektionen und Regelwerken und damit eine höhere Patientensicherheit
bei geringeren Kosten. Die FDA will dazu über die International
Conference on Harmonisation (ICH) die GMP-Anforderungen in wichtigen
Bereichen harmonisieren. Mit der ICH Q7A gibt es bereits ein GMP-Regelwerk
(GMP für Wirkstoffe), das weltweit harmonisiert ist. Die übrigen in der
Triade Europa, Japan und USA harmonisierten Regelwerke betreffen vor allem
die Zulassung von Arzneimitteln. Die FDA prüft derzeit die Mitgliedschaft
bei der PIC/S (Pharmaceutical Inspection Convention Scheme). Vor wenigen
Monaten wäre dies noch völlig undenkbar gewesen. Aber die eingeleiteten
ersten Schritte sind eindeutig. Aus dem Sitzungsprotokoll des FDA-Meetings
zur Vorbereitung auf ICH6 am 24. Juni 2003 stammt die folgende Passage:
Frau Showalter, ICH-Koordinatorin der FDA:
"Wir werden die Besprechung heute dergestalt durchführen, dass
wir einige der wichtigen Themen für das Treffen in Brüssel durchgehen.
Einer der bedeutenden Punkte auf der Tagesordnung ist in der Tat der
ICH-Teil des GMP-Programms, des Programms für die Arzneimittelqualität
oder für GMP für das 21. Jahrhundert."
[...]
"Als wir uns dazu entschlossen, die
GMP-Initiative bei der ICH zur Sprache zu bringen, hatten wir einige
Bedenken, ob die ICH der richtige Ort dafür sei. Als wir dort hingingen,
dachten wir über die Natur einiger der Themen nach, die wir in der
Vergangenheit bei der ICH aufgegriffen hatten, und stellten fest, dass es
einige Parallelen zu anderen Themen gab in Bezug auf die Vorgehensweise,
die wir möglicherweise für dieses Thema wählen würden."
[...]
"Eine der anderen Stellen, die immer
wieder erwähnt werden - wir haben darüber bei unserer Zusammenkunft im
Februar diskutiert - ist die PIC/S. Wir prüfen derzeit, ob dieses Gremium
für eine weitergehende regulatorische Zusammenarbeit bezüglich dieses
Themas in Frage kommt."
Die FDA hat den von Frau Showalter ausgeführten Vorschlag bereits beim Vorbereitungsmeeting in Brüssel für die
kommende ICH6-Konferenz ihren Ansatz eingebracht und ist dort auf offene
Ohren gestoßen. In dem Sitzungsprotokoll des ICH-Meetings vom 15. bis
18. Juli heißt es:
Der Lenkungsausschuss war erfreut über
das positive Ergebnis eines Brainstorming-Workshops zu Initiativen für
eine risiko-basierte Herangehensweise an die Arzneimittelqualität. Bei dieser Sitzung waren mehr als 60 designierte
Experten der sechs ICH-Parteien, -Beobachter und externen Gruppen
anwesend. Die Workshop-Diskussion führte zu einer allgemeinen
Übereinkunft über eine anspruchsvolle Vision: ein harmonisiertes
pharmazeutisches Qualitätssystem, das auf den gesamten Lebenszyklus des
Produktes angewendet werden kann und dessen Schwerpunkt auf einer
einheitlichen Herangehensweise an das Risikomanagement liegt.
Der Lenkungsausschuss kam darin überein,
dass die Experten von den sechs Parteien auf zwei Gebieten weiterarbeiten
sollen:
im Bereich der pharmazeutischen
Entwicklung, wobei der gesamte Produkt-Lebenszyklus abgedeckt und Risiko-
und Qualitätselemente des Designs enthalten sein sollen.
eine verbesserte Definition der
Prinzipien, mit denen das Risikomanagement in die qualitätsrelevanten
Entscheidungen einschließlich der GMP-Konformität einbezogen wird -
sowohl seitens der Behörden als auch seitens der Industrie.
Die Industrie wird außerdem ein Dokument
zur Festlegung der wichtigsten Parameter des Qualitätssystems erstellen,
das GMP als einen Unterpunkt enthält und das solche Bereiche ansprechen
soll, die erkennbare Unterschiede in den drei Regionen aufweisen.
Darüber hinaus wurde vereinbart, dass
eine einstündige Sitzung mit Präsentationen zu diesen GMP-Diskussionen
und -Initiativen in das Programm der ICH6-Konferenz aufgenommen werden
soll.
Und was sagt die Industrie dazu? Die ist
mehr als positiv überrascht! Sie sieht in der neuen FDA-Initiative
"cGMP for the 21st century" eine ganz außergewöhnliche Chance
dafür, die Anforderungen zu harmonisieren und sie dabei am Risiko für
den Patienten auszurichten. Innerhalb kürzester Zeit hat die EFPIA, also
der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller in Europa, ein eigenes
Papier dazu erstellt. Hier nur ein kurzer Auszug, der deutlich macht, wie
positiv der europäische Pharmaverband auf die FDA-Initiative reagiert:
Die EFPIA befürwortet die Initiative der
FDA zur Entwicklung von Regelwerken und Guidelines, die dazu beitragen
würden, wissenschaftlich fundierte und einheitliche Systeme zu fördern,
deren Anwendung die Arzneimittelqualität gewährleisten könnte.
Außerdem begrüßt die EFPIA die Möglichkeit, das Concept Paper zu
kommentieren und an der weiteren Diskussion beim ICH-Treffen im Juli in
Brüssel teilzunehmen.
Diese einzigartige Initiative der FDA
wird also nicht nur auf den von der FDA regulierten und inspizierten
Bereich Einfluss haben, sondern auch direkt auf die Anforderungen hier in
Europa.
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