Die USA haben mit Ihrer Initiative "cGMP for the 21st Century" schon Vorschläge zur Aktualisierung der US-amerikanischen GMP-Regeln gemacht. Wie sieht es aber in Europa aus? Der EG-GMP-Leitfaden Teil I stammt noch aus den 80iger Jahren. Teil II (ICH Q7) ist ein Produkt der 90iger Jahre. Schon zwischen diesen beiden Teilen sieht man in vergleichbaren Kapiteln deutliche Unterschiede. Revisionen diverser Annexe sind bis heute erfolgt oder derzeit anstehend (z. B. Annex 2 und 11). Auch der Leitfaden selbst hat in einigen Kapiteln Änderungen erfahren (z. B. Einführung des "Product Quality Reviews" und von Risk Management im Kapitel 1). Was kommt als nächstes? Vielleicht könnte hier der neue GMP-Leitfaden der Kanadier einen kleinen Hinweis geben? Als PIC/S-Mitgliedsland und auch als ein Land mit einem gegenseitigen Anerkennungsverfahren hinsichtlich GMP mit der EU dürften auch die kanadischen GMP-Regeln für die EU interessant sein. Ganz aktuell (8. Mai 2009) ist der GMP-Leitfaden der Kanadier neu herausgekommen. Er wird zum 8. November 2009 Gültigkeit erlangen. Details zu den Neuerungen im Vergleich zur ursprünglichen Ausgabe 2002 finden Sie hier. Der sehr umfängliche Leitfaden umfasst nun 102 Seiten (einschließlich 4 Appendices, Acronymenliste, Glossar und Referenzangaben) im pdf-Format und ist von der Struktur ein wenig unterschiedlich dem EG-GMP-Leitfaden. So ist z. B. die Fertigung steriler Arzneimittel in den Leitfaden direkt integriert. Die Inhalte ähneln aber wieder sehr dem Annex 1 (bis hin zu teilweise wortgleicher Darlegung). Nachfolgend gelistet ist das Inhaltsverzeichnis der 2009er-Ausgabe der kanadischen GMP-Regeln: TABLE OF CONTENTS
1.0 Introduction 2.0 Purpose 3.0 Scope 4.0 Quality Management 4.1 Guiding Principle 4.2 Relationship among Quality Elements 4.2.1 Quality Assurance 4.2.2 Good Manufacturing Practices (GMP) for Drugs 4.2.3 Quality Control . 5.0 Regulation Sale Premises Equipment Personnel Sanitation Raw Material Testing Manufacturing Control Quality Control Department Packaging Material Testing Finished Product Testing Records Samples Stability Sterile Products Medical Gases Appendix A Internationally Harmonized Requirements for Batch Certification Appendix A1 Content of the Fabricator's/Manufacturer's Batch Certificate for Drug/Medicinal Products Exported to Countries under the Scope of a Mutual Recognition Agreement (MRA) Appendix B Acronyms Glossary of Terms Appendix C Annexes to the Current Edition of the Good Manufacturing Practices (GMP) Guidelines References Health Products and Food Branch Inspectorate - Operational Centres Für den Leser ist die Gliederung des kanadischen GMP-Leitfadens sehr hilfreich, da er neben der eigentlichen "Regulation" auch die entsprechende Rationale zu dieser "Regulation" findet, sowie deren Interpretation. So ist z. B. die Vorgabe zur Ausrüstung in der "Regulation" relativ knapp beschrieben (reinigbar, nicht das Produkt kontaminierend, funktional). In der Rationale wird dann u. a. erläutert, welche Kontaminationen (Staub, Rost...) warum (Missbrauch des Gerätes, fehlerhafte Wartung..) auftreten könnten. In der Interpretation findet sich dann u. a. die Forderung, dass validiertes CIP-Equipment zur periodischen "verification" auseinandergebaut werden kann. Solch eine detaillierte Angabe gibt es z. B. im EG-GMP-Leitfaden nicht explizit. Nachfolgend exemplarisch einige Auffälligkeiten in den neuen kanadischen GMP-Regeln: - Für die Identitätsprüfung von Rohstoffen ist ein Mischmuster aus höchstens 10 Gebinden gestattet, wenn von diesem Mischmuster noch eine Gehaltsbestimmung unter Berücksichtigung der "mass balances" erfolgt. Diese konkreten Angaben finden sich so nicht im EG-GMP-Leitfaden.
- Für die zeitlich korrekte Ausführung des Annual Product Quality Review wird die Qualitätskontrolle verantwortlich gemacht. Hier zeigt sich wohl das Fehlen einer Qualified Person im kanadischen Regelwerk.
- Archivierte Dokumente müssen innerhalb von 48 Stunden zugänglich sein. Solch eine konkrete Angabe findet sich im EG-GMP-Leitfaden nicht.
- Metalloberflächen von Wassersystemen sollten mindestens "316 stainless steel" Qualität besitzen und sollten passiviert sein. Solche konkreten Forderungen zum Wassersysten kennen wir in Europa nicht in behördlich relevanten Regelwerken.
- Der Umfang von Revalidierungsarbeiten an Wassersystemen soll gemeinsam durch Personal der Qualitätskontrolle, des Engineering, der Produktion und weiteren involvierten Abteilungen festgelegt werden. Auch hier findet sich im EG-GMP-Leitfaden keine solch konkrete Angabe zu den betroffen Abteilungen.
Fazit: Der neue kanadische GMP-Leitfaden ist ein sehr lesenswertes Dokument, das auch Detail-Informationen zu allgemeinen GMP-Regeln gibt. Insofern könnte es auch Hilfestellung für europäische Firmen geben, sofern keine eigenen nationalen oder europaweiten GMP-Details vorliegen. Es bleibt natürlich ein für europäische Firmen nicht rechtsverbindliches Dokument. Zeigt es das "Quo vadis GMP"? Hierfür scheinen die Neuerungen zu moderat zu sein. Insofern dürfte das Dokument eher eine Stufe auf der Leiter der GMP-Evolution sein und ist u. a. vielleicht das Tribut der kanadischen Behörde zum Darwin-Jubiläumsjahr. Die 2009-Ausgabe der kanadischen GMP-Regeln finden Sie hier. Sie sind an der Weiterentwicklung von GMP interessiert? Auf der 3rd European GMP Conference am 23./24. Juni 2009 in Heidelberg erfahren Sie alle wesentlichen Neuerungen in diesem Umfeld. Autor: Sven Pommeranz CONCEPT HEIDELBERG |